Man sieht einen Pferderücken, welcher von einer Hand abgestrichen wird
Tiergesundheit

Kissing Spines beim Pferd: Das solltest du über das Rückenleiden wissen

13.03.2025

Als Kissing Spines bezeichnet man eine Wirbelsäulenerkrankung, die bei Pferden relativ häufig auftritt. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Dornfortsätze einzelner Wirbel zu dicht beieinander stehen und sich berühren, was zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen kann. Ist die Rückenmuskulatur des Pferdes gut ausgeprägt, muss die Erkrankung nicht zwangsläufig Probleme bereiten. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass das Tier korrekt geritten wird. Bleibt der Wirbelsäulendefekt unerkannt und passieren weiterhin Fehler beim Reiten, kann sich der Zustand verschlimmern und schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. In unserem Artikel erfährst du, woran du Kissing Spines erkennst, was für Ursachen die Erkrankung hat und was du tun kannst, wenn dein Pferd betroffen ist.

Was versteht man unter Kissing Spines?

Kissing Spines zählen zu den häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen beim Pferd. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung der Wirbelsäule, bei der die Dornfortsätze (Processus spinosus) der Rückenwirbel zu nahe beieinander stehen, wodurch sie sich berühren oder aneinanderreiben. Um das Ganze besser verstehen zu können, muss man sich die Anatomie und Biomechanik eines Pferderückens vergegenwärtigen. Die Wirbelsäule eines Pferdes besteht aus 7 Halswirbeln, 18 Brustwirbeln, 6 Lendenwirbeln, 5 Kreuzbeinwirbeln und 15 bis 21 Schweifwirbeln. Bei jedem Wirbel ist ein nach oben ragender Dornfortsatz ausgebildet. Hinzu kommen stabilisierende Bänder und Muskeln. Eines davon ist das Nacken-Rücken-Band, das auf den Dornfortsätzen aufliegt und vom Nacken bis zum Kreuzbein verläuft.

Nacken-Rücken-Band und Dornfortsätze spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, den Rücken rund zu machen, um das Gewicht des Reiters oder der Reiterin zu tragen. Senkt das Pferd den Kopf, wird das Nacken-Rücken-Band gespannt. Dadurch richten sich die Dornfortsätze unterstützend auf, so dass sich der Rücken besser wölben kann. Hebt das Pferd den Kopf, lockert sich das Nacken-Rücken-Band. Die Dornfortsätze unterstützen nicht mehr, so dass nur noch die umgebende Rückenmuskulatur für die Wölbung zuständig ist.

Im Idealzustand sind die Dornfortsätze durch einen kleinen Abstand voneinander getrennt. Bei Kissing Spines kommt es jedoch zu einem Engstand, wodurch die Knochenstrukturen gegeneinander scheuern. In extremen Fällen kann es sogar sein, dass sie überlappen oder miteinander verwachsen. Besonders häufig betroffen sind die Fortsätze zwischen dem 12. und 18. Wirbel, da diese besonders dicht beieinander stehen. Hier wird im Regelfall auch der Sattel aufgelegt, was eine zusätzliche Belastung bedeutet.

Durch das Aneinanderreiben kann es im weiteren Verlauf zu Entzündungen der Knochenhaut und der Herausbildung von Osteophyten bzw. Verknöcherungen kommen, die noch mehr Druck und Reibung erzeugen. Um den damit verbundenen Schmerzen zu entgehen, verspannen sich die Pferde und nehmen eine Schonhaltung ein. Das führt wiederum zu einer falschen Beanspruchung des Rückens, was den Zustand verschlimmern und weitere Beschwerden verursachen kann.

Mögliche Ursachen für Kissing Spines beim Pferd

Für Kissing Spines beim Pferd gibt es mehrere mögliche Ursachen, die teils miteinander wechselwirken. So kann es beispielsweise sein, dass ein Tier aus anatomischen Gründen bereits ein höheres Risiko für die Erkrankung mitbringt, etwa aufgrund angeborener Fehlstellungen oder weil die Dornfortsätze von Hause aus dicht beieinander liegen. Kommt dann noch eine falsche Belastung hinzu, etwa durch unsachgemäßes Reittraining, kann das zur Folge haben, dass sich der Abstand weiter verringert und in der Folge Kissing Spines entstehen.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass falsches Reiten ein häufiger, wenngleich nicht der einzige Auslöser für Kissing Spines ist. Auch bei Jungpferden, die noch nicht geritten werden, kann sich die Erkrankung herausbilden. Nichtsdestotrotz spielen ein unsachgemäßer Umgang mit dem Pferd und eine fehlerhafte Ausbildung durchaus eine große Rolle dahingehend, ob sich Kissing Spines entwickeln oder nicht.

Hier ein Überblick über verhaltensbezogene Faktoren, die zu einer Fehl- oder Überlastung des Rückens und letztlich zu Kissing Spines führen können:

  • falsche Reittechnik
  • zu schnelles/frühes Einreiten
  • Verwendung eines Sattels mit schlechter oder ungeeigneter Passform
  • unnatürliche oder fehlerhafte Reitbewegungen

Anatomische Faktoren, die die Entstehung von Kissing Spines begünstigen können, sind:

  • Senkrücken
  • Wirbelengstellen
  • Schädigungen an Bändern und Muskeln
  • strukturelle Veränderungen an den Dornfortsätzen, etwa infolge von Stürzen oder Traumata
  • Fehlstellung der Wirbel, beispielsweise aufgrund von Frakturen

Auch Erkrankungen wie Arthritis, Hufrehe oder Muskelentzündungen, die sich auf den Rückenbereich auswirken und die Beweglichkeit einschränken, können die Entstehung von Kissing Spines fördern. Gleiches gilt, wenn das Pferd aufgrund schlechter Haltungsbedingungen zu wenig Auslauf hat oder viel in der Box stehen muss. In dem Fall kann es zum Muskelabbau kommen, was eine Überlastung der Wirbelsäule zur Folge hat.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Rückenmuskulatur einen großen Einfluss hat, wie stark Kissing Spines ein Pferd beeinträchtigen. Ist das Tier unzureichend bemuskelt, sind Beschwerden vorprogrammiert. Das Pferd ist dann physisch nicht in der Lage, mit der Hinterhand unter seinen Schwerpunkt zu treten. Statt den Rücken rund zu machen, drückt es ihn nach unten, was in einer Fehlbelastung resultiert. Das kann zu einer Entzündung und letztlich zum Abbau des Rückenmuskels führen, so dass das gesamte Gewicht von der Wirbelsäule getragen werden muss. Eine gute Bemuskelung kann hingegen viel kompensieren.

Wie zeigen sich Kissing Spines beim Pferd? Symptome im Überblick

Die Symptome von Kissing Spines sind teils diffus und mitunter schwer einzuordnen, da sie auch mit anderen Erkrankungen des Bewegungsapparats zusammenhängen können. Mögliche Anzeichen sind:

  • Druckempfindlichkeit im Rückenbereich
  • Durchdrücken des Rückens
  • Unbehagen oder Schmerzreaktion beim Aufsatteln und Gurtanlegen
  • Lahmheit/Steifheit
  • verminderte Leistungsfähigkeit
  • Bewegungsunlust
  • Abwehrhaltung beim Aufsteigen bis hin zu Unrittigkeit
  • Bewegungsstörungen und Taktfehler
  • schwache Hinterhand
  • verweigert das Springen
  • stockende Übergänge zwischen den Gangarten
  • Probleme beim Wenden, Drehen und Hinlegen
  • Zähneknirschen
  • Schwierigkeiten beim Stuhlgang und Wasserlassen
  • Gereiztheit, Unruhe

Ob ein Pferd an Kissing Spines leidet, lässt sich anhand der Symptomatik nur vermuten. Für eine sichere Diagnose ist eine tierärztliche Untersuchung unumgänglich.

So diagnostiziert man Kissing Spines beim Pferd

Für die Diagnose von Kissing Spines werden sowohl klinische als auch bildgebende bzw. radiologische Maßnahmen ergriffen. Am Anfang steht die Anamnese. Der Tierarzt oder die Tierärztin erkundigt sich, wie es um die Haltungsbedingungen des Pferdes bestellt ist, ob frühere Verletzungen vorliegen und welche Symptome seit wann in Erscheinung getreten sind. Danach wird der Rücken des Pferdes durch Abtasten auf Schwellungen, Muskelschwund und Schmerzempfindlichkeit untersucht. Auch das Gangbild (mit und ohne Reiter bzw. Reiterin) wird in Augenschein genommen. Zusätzliche Bewegungstests ermöglichen es herauszufinden, ob und in welchem Ausmaß die Beweglichkeit des Pferdes beeinträchtigt ist. An die klinische Untersuchung schließt sich eine Bilddiagnostik an. Auf Röntgenaufnahmen lassen sich Fehlbildungen an der Wirbelsäule bereits gut erkennen. Eine noch detailliertere Ansicht liefern Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT). Generell können nur bildgebende Verfahren Aufschluss über den Schweregrad der Erkrankung geben.

Kissing Spines therapieren: Diese Möglichkeiten gibt es

Es gibt mehrere Möglichkeiten, Kissing Spines zu therapieren. Oberstes Ziel ist, das Pferd schmerzfrei zu bekommen und die Rückenmuskulatur aufzubauen, um die Wirbelsäule zu entlasten und den Abstand zu den Dornfortsätzen zu vergrößern, damit das Gewicht nicht auf den bloßen Knochen drückt. Zu diesem Zweck werden dem Tier zunächst schmerz- und entzündungshemmende Mittel verabreicht, in Tablettenform und meist zusätzlich per Injektion zwischen oder um die Dornfortsätze.

Sind die Schmerzen abgeklungen, folgen eine Physiotherapie und ein gezieltes Bewegungsprogramm. Am besten eignen sich Übungen vom Boden aus, beispielsweise in Form von Longieren, Gymnastizierung, Hand- oder Stangenarbeit. Das schont den Rücken und hilft dabei, die Muskeln zu stärken. Ergänzend können Verfahren wie Akupunktur, Stoßwellentherapie oder Osteopathie zum Lösen eventuell bestehender Blockaden herangezogen werden.

Eine konservative Behandlung mit Schmerzmedikation, Physiotherapie und Training ist einer Operation zwar grundsätzlich vorzuziehen, trotzdem kann es sein, dass ein chirurgischer Eingriff notwendig wird, beispielsweise dann, wenn die Schmerzen trotz Behandlung immer wiederkehren. In dem Fall ist es sinnvoll, die Dornfortsätze operativ zu entfernen oder Teile davon abzutragen. Mittlerweile gibt es die Möglichkeit, diesen Eingriff auch minimalinvasiv und ohne Vollnarkose durchzuführen. Da Operationen zu den teuersten tierärztlichen Leistungen zählen und gerade beim Pferd mit hohen Kosten verbunden sein können, ist das Risiko einer finanziellen Belastung groß. Eine Pferde-OP-Versicherung oder Pferdekrankenversicherung übernimmt die Operationskosten und bietet im Ernstfall Schutz.

So kannst du ein Pferd mit Kissing Spines unterstützen

Wenn ein Pferd an Kissing Spines erkrankt und therapiert werden muss, ist es wichtig, die Lebens- und Haltungsbedingungen so zu gestalten, dass es bei der Rehabilitation bestmöglich unterstützt wird. Wichtig in dem Zusammenhang sind:

  • Sorgfältige Hufbearbeitung, korrekter Hufbeschlag
  • gut sitzender Sattel mit richtiger Passform, wenn das Pferd wieder geritten wird
  • ausreichend Bewegung und Weidegang
  • möglichst wenig Stehzeiten
  • weiche und gepolsterte Unterlagen in der Box
  • gesunde und ausgewogene Fütterung (hochwertiges Raufutter, ggf. Nahrungsergänzung)
  • Gewichtsmanagement (Vermeidung von Übergewicht)
  • angepasstes, abwechslungsreiches Training mit ausgiebigen Aufwärmphasen
  • regelmäßige Ruhe- und Erholungszeiten

Ob ein Pferd mit Kissing Spines reitbar ist, hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. In vielen Fällen können betroffene Tiere wieder geritten werden, allerdings erst, wenn sie schmerzfrei sind und ausreichend Muskulatur aufgebaut haben, um den Rücken wieder rund zu machen und das Gewicht des Reiters oder der Reiterin ohne Probleme tragen zu können. Die Entscheidung ist immer individuell und muss zum Wohle des Tieres getroffen werden.

Fazit

Kissing Spines ist eine Wirbelsäulenerkrankung beim Pferd, die verschiedene Ursachen haben kann, jedoch in vielen Fällen auf unsachgemäßes Reiten zurückzuführen ist. Sie kommt verhältnismäßig häufig vor und ist mit Schmerzen und Beeinträchtigungen der Beweglichkeit verbunden, insbesondere dann, wenn die Rückenmuskulatur nicht kräftig genug ausgebildet ist. Mithilfe konservativer Therapiemaßnahmen lässt sich die Erkrankung gut in den Griff bekommen, je Schweregrad kann aber auch eine Operation notwendig sein. Bei erfolgreicher Behandlung besteht in vielen Fällen die Möglichkeit, das Pferd wieder zu reiten.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zum Thema Kissing Spines bei Pferden

Welche Pferde neigen zu Kissing Spines?

Generell können Pferde aller Rassen und Altersstufen Kissing Spines entwickeln, allerdings besteht bei manchen ein höheres Risiko. Dazu zählen beispielsweise Rassen mit langem und flachem Rücken, bei denen die Dornfortsätze aus anatomischen Gründen sehr nah beieinander liegen. Auch Pferde, die schon früh intensiv trainiert oder für bestimmte Reitsportarten eingesetzt werden, sind gefährdet.

Kann man Kissing Spines ertasten?

Beim Abtasten des Rückens fühlt man die Dornfortsätze normalerweise nicht, allerdings lässt sich feststellen, ob das Tier empfindlich auf Druck reagiert oder Schmerzen hat, was wiederum bei der Diagnose hilft.

Was muss ich beim Training beachten?

Regelmäßiges und gezieltes Training ist entscheidend, um die Beweglichkeit des Pferdes zu verbessern und seine Muskulatur zu stärken. Dabei geht es nicht nur um die Rücken-, sondern auch um die Bauchmuskeln als unterstützender Gegenpart. Grundsätzlich sollten die Übungen abwechslungsreich sein und auch Übergänge und Tempowechsel beinhalten. Wichtig ist, das Trainingsprogramm schrittweise aufzubauen und nichts zu überstürzen. In dem Zusammenhang gilt es immer, auf die Reaktionen des Pferdes zu achten.

Auch interessant